Die Sorgen der Anleger
Selten war das Thema Geldanlage so präsent wie aktuell. Ausgelöst durch die weltweite Finanzmarktkrise bangen viele private Anlegerinnen und Anleger um ihr Erspartes. Selbst Kundinnen und Kunden der großen deutschen Banken, die ihr Vermögen ausschließlich in festverzinsliche Anlageformen wie Sparbücher oder Bundeswertpapiere investiert haben, wenden sich besorgt an ihre Anlageberater. Einige wollen sogar ihr gesamtes Geld von den Konten abheben, um es in Schließfächern oder unter dem Kopfkissen in Sicherheit zu bringen. Diese Reaktionen scheinen stark übertrieben: Weder sind die deutschen Banken vom Bankrott bedroht noch ist das Geld auf den Sparkonten realen oder drohenden Verlusten ausgesetzt. Es gibt also eigentlich gar keinen ökonomischen Grund für ein solches Verhalten.
Dies zeigt, dass das Anlegerverhalten eben nicht nur durch ökonomische Aspekte beeinflusst wird. Mindestens genauso wichtig ist die Psyche der Anlegerinnen und Anleger.
Wie Anleger Investitionsrisiken einschätzen und welche Aspekte ihre Anlageentscheidungen beeinflussen, untersuchte Psychologin Katharina Sachse in ihrer vor kurzem abgeschlossenen Dissertation. Dazu bat sie private Kapitalanleger, verschiedene Anlageformen und -produkte zu beurteilen, und ließ sie hypothetische Investitionen tätigen. Es zeigte sich, dass sowohl die Einschätzung des Risikos als auch die Investitionsbereitschaft in einem engen Zusammenhang mit psychologischen Aspekten stehen. Eine besonders prominente Rolle dabei spielen die Sorgen der Anlegerinnen und Anleger. Sie scheinen einerseits einen wichtigen Einfluss auf die Beurteilung der Anlagerisiken auszuüben. Dieser ist sogar größer als der Einfluss möglicher Verluste und der Volatilität, einem finanztheoretischen Risikomaß, das die Schwankung des Investitionswertes abbildet. Andererseits zeigte sich ein starker Zusammenhang zwischen den Sorgen der Anleger und deren Investitionsbereitschaft. Große Sorgen führen dazu, dass Investitionen abgelehnt werden.
Unter Berücksichtigung dieser Befunde sind die Reaktionen der Anleger bei der aktuellen Finanzkrise erklärbar. Die massive Berichterstattung in den Medien mit stets neuen Negativmeldungen über die Börsen und Banken der Welt führt zu einer Beunruhigung der Anleger. Das Vertrauen in das Finanzsystem wurde grundlegend erschüttert. Sogar wenn Anleger selbst gar nicht direkt von den Entwicklungen betroffen sind, machen sie sich nun mehr Sorgen über die finanzielle Zukunft.
Was ist nun zu erwarten, wenn sich die Finanzmärkte stabilisieren? Die verabschiedeten Regierungsmaßnahmen führen aktuell dazu, dass die Aktienkurse steigen. Es gibt sicher einige Privatanleger, die bereits neu investieren. Die Mehrheit wird aber wahrscheinlich noch länger zurückhaltend agieren, bis sie wieder Zuversicht und Vertrauen in die Finanzmärkte gewinnt. Denn auch hier gilt ein psychologisches Prinzip: Vertrauen zu verlieren geht schnell, es wieder aufzubauen dauert hingegen sehr viel länger.
Katharina Sachse (2008). Risiken der Kapitalanlage aus Sicht der Privatanleger. Saarbrücken: VDM Verlag Dr. Müller. (Dissertation, Technische Universität Berlin)
Quelle: Pressemeldung Technischen Universität Berlin
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